Die Erlebnisse in der Tautenhainer Raketenkaserne hatten meinen Glauben an ein erfülltes und ehrliches  Leben in der DDR endgültig zerstört. Nach der Entlassung aus diesem Gefängnis fand ich mich lediglich in einem noch größeren wieder, das, für alle sichtbar, von einem eisernen Vorhang, Selbstschußanlagen und Minenfeldern eingezäunt war. In mir gab es nur noch einen Gedanken: Ich mußte da raus, koste es, was es wolle! Das war ich meinem Gewissen und meiner Menschenwürde schuldig.

Und dann gelang es mir tatsächlich, 1988, ein Jahr vor dem Mauerfall, zu fliehen, zusammen mit meiner damaligen Freundin. Es war ein hochriskanter Versuch, der nur dank einer Reihe von glücklichen Zufällen nicht in einer Katastrophe endete. Über die Republikflucht und die Vorbereitungen dazu handelt mein zweites Buch:

 Geflüchtet-Zu zweit in den Westen (im Juli 2006 erschienen). 

Zur Leseprobe.

 


Nachfolgend ein Ausschnitt aus meinem ersten Buch "Sprutz" über die Entstehung meiner Fluchtgedanken:

Plötzlich durchzuckte mich ein Gedanke, der mich in den folgenden Monaten nicht mehr losließ: Wäre eine erfolgreiche Flucht aus der DDR nach der Entlassung ernsthaft denkbar und wie hoch stünden die Chancen dafür? Wie viele hatten es schon versucht und dabei ihr Leben lassen müssen, oder ihre Zukunft ruiniert! Aber konnte denn eine Zukunft in diesem unfreien Land, dessen Bürger derart geknebelt und gegängelt wurden, noch als lebenswert bezeichnet werden? Wieder dachte ich an den letzten Urlaub in Ungarn und daran, was geschehen wäre, hätten Claudia und ich uns zur Flucht entschließen können. Was wäre mir im Falle des Gelingens alles erspart geblieben! Doch was hätte uns im „sagenumwobenen" Westen erwartet, ganz ohne Hilfe durch Verwandte? Von Einrichtungen wie BaFÖG für Studenten u.ä. besaß in der DDR keiner den leisesten Schimmer. Die Demagogen trichterten uns schließlich unser Leben lang ein, daß im Westen keinerlei Sozialgefüge bestünde. Ein riesiges Heer von Arbeitslosen vegetierte demnach unter menschenunwürdigen Bedingungen dahin und nur die Starken und Reichen erhielten eine Chance. Im Falle einer Gefangennahme auf der Flucht wäre es mir wahrscheinlich auch nicht viel schlechter ergangen als jetzt hier.

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Auch die zweite Nacht in der Kaserne konnte ich nicht einschlafen. Immer wieder dachte ich an Flucht und die Berichte meiner Klassenkameraden aus der Berufsschule, die aus dem unmittelbaren Grenzgebiet zu Westdeutschland stammten. Von ihnen wußte ich, was sich so oft in diesem strengstens überwachten und an manchen Stellen mehrere Kilometer breiten Landstrich abspielte: nämlich extreme Menschenrechtsverletzungen, die aber erstaunlicherweise nicht nur DDR-Bürger betrafen. Die auf dem gesamten DDR-Territorium stationierten Soldaten der russischen Besatzungstruppen, unsere "Freunde", behandelte man wie Galeerensklaven. Wenn von denen einer aus der Kaserne floh, wurde kurzer Prozeß gemacht. Da auch ich in Grenznähe aufgewachsen bin, bekam ich es alle paar Wochen mit, wenn sie wieder einen der armen Teufel jagten. Von der perfiden innerdeutschen Grenzbefestigung namens "Mauer" keinen blassen Schimmer, hoffte manch einer von ihnen, er könne es mit seiner aus der Kaserne mitgenommenen Kalaschnikow schaffen, sich ins vermeintliche Schlaraffenland durchzuschlagen. Doch bis zur eigentlichen "Mauer" mußte man erst mal kommen! Überall im Wald lauerten versteckte Unterstände mit Spähern, Tretminen, Stacheldrahtverhaue und vorgelagerte Zäune, kurz, ein heimtückisches Hindernis nach dem anderen. An vielen Stellen befanden sich zur Abschreckung sogenannte Laufanlagen mit den "Trassenhunden". Extra für diesen Zweck gezüchtete Schäferhunde, halbverhungert und auf Menschenjagd getrimmt, fristeten an Laufketten ihr erbärmliches Dasein. Kein Wunder, daß bei dieser Quälerei die meisten Tiere verhaltensgestört und unberechenbar wurden. Viele strangulierten sich an den Ketten sogar selbst. Wenigstens waren nach jahrelangen Verhandlungen seitens der damaligen Bundesregierung und langwierigem persönlichen Einsatz des bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß die Selbstschußanlagen entlang des Hauptzaunes wieder abmontiert worden. Den fliehenden Sowjetsoldaten dürfte das jedoch wenig genutzt haben.

Die russische Armeeführung veranstaltete per Hubschrauber regelrechte Treibjagden, Rattenfang genannt, durch Wiesen und Kornfelder. An allen Straßen die nach Westen führten, selbst an den Ausfallstraßen meiner Heimatstadt Creuzburg, wurden gigantische Straßensperren errichtet. Große Feuer loderten die ganze Nacht hindurch. Den Ärmsten blieb keine Chance. Waren sie eingekreist, mußte sich sogar die Bereitschaftspolizei zurückziehen. Die "Fahnenflüchtigen" wurden wie räudige Hunde erschossen, selbst dann, wenn sie versuchten, sich zu ergeben. Ich hörte auch oft, daß die russischen Soldaten so wenig zu essen bekamen, daß sie vor Hunger in den Läden ab und zu Brot stahlen. Erwischte man sie und erhielten ihre Offiziere davon Wind, ereilte sie gnadenlos die Prügelstrafe. Dabei wurden sie auf dem Prügelbock oft übel zugerichtet und gedemütigt.


Eine weitere Inspiration für meine Republikflucht war der "Albatros" (Auszug aus Geflüchtet):

Manchmal, wenn ich mich alleine und unbeobachtet wähnte, sang ich leise ein Lied der heute noch existierenden DDR-Rockband Karat vor mich hin. Besser als dieses Lied hätte ich meine Empfindungen nicht in Worte fassen können. Mit dem Albatros  hatte es eine ganz besondere Bewandtnis: schon im Jahre 1979 auf der AMIGA-LP "Über sieben Brücken" erschienen, wurde der Titel dann plötzlich im DDR-Rundfunk nicht mehr gespielt. Zu spät dämmerte den Stasi-Zensoren, daß dieses Werk nichts anderes als ein offener Aufruf zur Freiheitsliebe war. Bei jedem halbwegs aufmerksamen Hörer mußte selbiges letztendlich Freiheitssehnsüchte bis hin zu Fluchtgedanken wecken.

Im Westen erschien der Albatros 1980 als eigenständiges Album von Teldec-Pool.

Der Songtext "Albatros" von Karat ist über jede Suchmaschine leicht zu finden.

 

Es läßt sich nicht bestreiten, daß die genial komponierte Rockballade bei mir den Drang zur Freiheit noch massiv verstärkte. Vor allem die letzte Strophe führte mir die düstere Zonenrealität immer wieder plastisch vor Augen. Unverkennbar, daß mit den "sich türmenden Wänden" die Mauer, und mit den "Wolken aus Blei" der Kugelhagel der Mauerschützen gemeint war. Und die "schlagenden Blitze" kamen aus dem Elektrozaun. Jedesmal, wenn ich mir das Stück zu Hause anhörte, fuhr es mir kalt über den Rücken. Dann sah ich mich schon mit dem Motorrad den Sperrgürtel zwischen Ungarn und Ex-Jugoslawien unter den Schüssen der Verfolger durchbrechen.

 

 Copyright © 2005, 2017 Peter Tannhoff